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Berlin Marathon: Erfahrungsbericht Walking 2006

Der Dienst verschlägt einen ja manchmal für kürzere oder längere Zeit in andere Gegenden als den eigenen Wohnort. So fand ich mich im schönen Potsdam wieder. Dort meinte eine Bekannte, wir sollten auf jeden Fall die Marathonmesse in Berlin besuchen. Irgendwie, wahrscheinlich weil ich so auf den gerade absolvierten Wachau Marathon in Krems/Österreich fixiert war, war mir völlig untergeschnitten, dass ja am nächsten Wochenende Berlin Marathon war. Ich hatte es schlicht und einfach vergessen. Wohl auch eher verdrängt, weil ich aus irgendeinem Grund der Auffassung war, die Zielschlusszeit würde eine Teilnahme von Walkern ziemlich schwer machen.

Spaßeshalber blätterte ich im Internet nochmal nach und fand heraus, dass Walkern sieben Stunden Zeit eingeräumt wurde, also reichlich Zeit. Danke an die Organisatoren, Walker speziell zu berücksichtigen. Ich weiß um den Mehraufwand!

Aus einer fast unbewussten Laune heraus nahm ich den Chip vom Schuh (der ist da ständig festgebunden, weil ich ihn sonst garantiert verlege und vergesse, wo ich ihn "sicher und 100 prozentig wieder auffindbar" aufbewahrt habe. Ich nahm ihn also mit auf die Messe und dann, in dem ganzen Gewühl, ritt mich der Teufel. Nun bin ich schon mal hier, habe die Zeit, fit fühle ich mich auch trotz des Wachau Marathons der Vorwoche, warum soll ich nicht versuchen, mitzumachen? Sollte ich zwischendurch aufgeben, breche ich mir auch keinen Zacken aus der Krone.

Wenn diese Idee eine Stunde später mir gekommen wäre, hätte ich sie nicht umgesetzt, denn da war die Schlange vor dem help desk so lang, dass ich mich nicht angestellt hätte. Ich fragte also die Dame hinter dem Tisch nach einer Startkarte für Walker. Sie schüttelte den Kopf. "Zu spät". Ich wußte gar nicht, dass ich noch in der Lage bin, Frauen (positiv) zu beeindrucken. Ich muß so traurig dreingeschaut haben, dass sie sich erweichen ließ und mir problemlos eine ganz offizielle Starnummer aushändigte. Da mein Chip auch gleich eingelesen werden konnte, war ich also ganz schnell einer von ca. 41.000 Teilnehmern an der größten Marathonveranstaltung Deutschlands.

Als ich dann jedoch 90 (Neunzig!!) Euro hinblättern mußte, habe ich doch geschluckt. Ich war mir sicher, dass ich dafür bei dieser riesigen Veranstaltung einiges erwarten durfte, was bei anderen Marathons wohl nicht geboten wurde.

Um es vorweg zu nehmen: da wurde ich aber enttäuscht!
- Kein Finisher T-Shirt im Preis inbegriffen. Schon gar kein Funktions-T-Shirt wie z.B. beim Brückenlauf in Suhl/Thüringen drei Wochen vorher. Jedermann konnte auf der Berliner Messe ein Berlin-Marathon-Finisher-T-Shirt aus Baumwolle für 20,-- (!) Euro erstehen. Also aufgepaßt, wenn jemand so ein T-Shirt sieht: Der Träger war möglicherweise nur erfolgreicher Teilnehmer an der Marathon-Messe und hat jede Menge Seba-med Probepackungen abgestaubt!
- Keine Pastaportion inbegriffen.
- Der Inhalt des Starterpakets in der eher schlichten Plastiktüte war nicht sonderlich umfangreich. Mit der Stofftasche vom Hunsrück Marathon von vor drei Jahren gehe ich noch heute gerne einkaufen!

Die Messe war recht groß und gut sortiert (einen Noene-Stand habe ich nicht gesehen — gibt es Euch eigentlich noch???).  Warum man dafür, dass man einkaufen soll/kann/darf (die Standinhaber zahlen ja schließlich sicherlich ein stolzes Standgeld) auch noch Eintritt zahlen muß, ist mir nicht ganz klar. "Kugelschreiberabstauber" kann man auch auf andere Weise abblocken!

Um gleich auch einen weiteren Kritikpunkt los zu werden: Starter, die im hinteren Feld — aber immer noch innerhalb des Zeitlimits — durchs Ziel kommen, zahlen schließlich ein genauso hohes Startgeld wie die, die im vorderen Drittel landen. Zu den Teilnehmerzahlen, auf die die Veranstalter so stolz sind, trägt auch die Person direkt vorm Besenwagen bei. Deshalb haben doch wohl auch die letzten im Ziel Anrecht auf den gesamten Service. Dass nicht mehr benötigte Tische beizeiten weggeräumt werden, weil man jetzt mit einem einzigen auskommt; dass schon mal die Straße grob gereinigt wird, das ist alles in Ordnung.

Dass man allerdings in die zusammenstehende Helfergruppe hineinfragen muß, ob man noch einen Becher Wasser bekommen kann, dass alle Wannen (Wasser für den Schwamm) leer und zusammengestellt sind, dass man fegenden Personen ausweichen muss, um nicht über den Besen zu stolpern, dass sich kein Ordner um querende oder auf der Straße spielende Kinder, die einem vor die Füße laufen (das gleiche gilt für Fahrradfahrer und Skater), kümmert, sondern lieber mit anderen zusammensteht und sich unterhält, das ist nicht in Ordnung.

Ob die Musiker, die da gerade einpacken, zu denen von meinem Startgeld bezahlten gehören oder aus Eigeninitiative mitmachen (besonderer Dank an jene), weiß ich nicht. Ganz ärgerlich fand ich, dass noch innerhalb des Zeitfensters (kurz vor 1600 Uhr — 1600 Uhr war offiziell Zielschluss), es nicht mehr möglich war, eine Massage zu bekommen. Man sei eigentlich nur bis 1500 Uhr verpflichtet worden, wurde mir gesagt. Wer tatsächlich mit Zielschluss (dankenswerterweise wurden ja auch noch später angekommene gewertet) einläuft, sich noch etwas zu essen und trinken holt, der sollte noch genau wie jeder andere die Möglichkeit einer Massage haben.

Sicherlich (ich kenne das ja aus eigener Erfahrung) ermüden die Helfer auch. Ich hatte allerdings nicht den Eindruck, dass klare Anweisung bestand — bzw. darauf geachtet wurde, den gesamten Service auf der Strecke bis zur offiziellen Schlusszeit rsp. Passieren des Besenwagens aufrecht zu halten. Im Zielbereich sollte der Service natürlich noch etwas länger aufrecht erhalten werden. Ich hoffe, ich habe die Aufräumarbeiten nicht allzu sehr gestört — wie gesagt: alles innerhalb des Zeitfensters!

Um es aber auch ganz deutlich zu sagen: das betrifft nicht nur den Berlin Marathon. Man erlebt das bei vielen Veranstaltungen. Ich habe keine Preiserhebung angestellt, aber Berlin rangiert sicherlich im oberen Preissegment. Da darf man schon etwas erwarten.

Nun aber genug gemeckert. Da war dann ja auch noch die Strecke — kreuz und quer durch die Hauptstadt, bestes Wetter (fast schon zu warm), nur auf den letzten Kilometern etwas Gegenwind (da für mich kein Rekordversuch angesagt war, war es mir auch egal — immerhin war ich eine Minute schneller als die Woche davor in der Wachau). Natürlich kannte ich die Namen der Stadtteile/Bezirke, durch die ich gerade walkte, wußte aber oft nicht, wo ich denn gerade war. Das ging übrigens auch einigen Helfern so, die ich fragte. Die Polizisten wußten allerdings immer Bescheid.

So ein Massenstart hat schon etwas. Schade, dass man das Gesamtbild nicht auf Großbildleinwänden mit verfolgen kann. Wenn man selbst in der Menge steckt, wirkt es nicht ganz so imposant. Der Mann am Mikrofon hat sich erfolgreich Mühe gegeben, für Stimmung zu sorgen. Trotzdem (mag Zufall sein), fand ich den Start beim Rennsteig Marathon emotionaler.

Das Publikum war toll, ganz besonders natürlich an den Brennpunkten. Das trägt einen dann schon weiter und man grüßt oder klatscht auch zurück, wenn einen nicht gerade mal wieder die Blase unter dem Fuß oder etwas anderes zwickt oder zwackt. Auf einigen (wenigen) Streckenabschnitten hatte sich wohl nicht so recht herumgesprochen, dass gerade der größte Marathon Deutschlands stattfand. Offensichtlich waren einige Mitbürger der Ansicht, dass die abgesperrte Strecke speziell für Spaziergänger, Radfahrer, Skater, Fußballspieler u.ä. geschaffen worden war.

Bis auf ganz wenige Ausnahmefälle waren Getränke und Verpflegung üppig vorhanden und wurden auch zugereicht, sodaß man nicht aus dem Rhythmus kam. Es waren auch mehr als reichlich Stationen eingerichtet. Habe ich etwas übersehen oder gab es tatsächlich nur Bananen und Äpfel (von den Keksen nach Zieldurchgang abgesehen)?

Hier möchte ich doch noch meinen Wunschtraum anbringen (soll nicht als Kritik gewertet werden!): An einem "Standard" Verpflegungsstand erhält man — man glaubt es kaum — Verpflegung und Getränke. Natürlich muss man nicht zwangsläufig zugreifen, aber man tut es ja meistens doch. Man hat also in der einen Hand einen Becher (z.B. Wasser), in der anderen noch einen (Tee oder Iso oder was auch immer). Und dann klebt irgendwo noch ein Stück Banane oder etwas anderes. Mein Wunschtraum ist es, dass die Darreichungsbereiche weiter auseinander liegen. Man also z.B. seine Banane in Ruhe in der Bewegung essen kann, dann erst zu dem einen oder anderen Getränk greifen kann.

Im Zielbereich (vor Passieren des Zieles — dahinter waren die Aufräumarbeiten schon in vollem Gange) war es dann trotz schon vorgerückter Stunde noch so, als würde man mit einer Zeit unter drei Stunden reinkommen. Da war volle Stimmung. Da fühlte man sich regelrecht ins Ziel getragen. Das war schon ein Erlebnis — keine Frage. Ähnliches habe ich sicherlich auch bei anderen Veranstaltungen erlebt, aber in Berlin, in der Hauptstadt, war es irgendwie anders. Es war etwas Besonderes.

Mein ganz besonderer Dank nochmal an die vielen, vielen freiwillig und ehrenamtlich helfenden Hände und an das Publikum. Und an die Veranstalter gerichtet: Vielleicht bin ich als Amateur und Hobbyist ja im verkehrten Film — irgendwie kommt mir das alles recht kommerziell vor — und vor allem: vergeßt das letzte Drittel der Zieldurchgänge nicht! Trotzdem danke für die Veranstaltung (und an die Dame am help desk, die meine Teilnahme mit Leichtigkeit hätte verhindern können).

Horst-G. Robbers, Bad Neuenahr-Ahrweiler